extra KICKER Fußball-Magazin vom Februar 1992 Eine turbulente, zum Teil chaotische Saison endete enttäuschend. Binnen fünf Tagen verspielte der 1. FC Nürnberg einen UEFA-Cup-Platz. So bleibt als Lichtblick die Entdeckung der Saison: Christian Wück. Harald Kaiser
Nürnbergs Volltreffer einer unglücklichen Saison
Wück bringt Glück
Als kleiner Junge fieberte er mit den Bayern. Klarer Fall. Alle fiebern sie mit den Bayern in Gänheim, einem 850-Einwohner-Örtchen nahe Schweinfurt. Na ja, fast alle. Ein paar Außenseiter gibt es auch in Gänheim - die haben einen "Fanklub 1.FC Nürnberg" gegründet. Christian Wück stammt aus Gänheim, und er wohnt noch heute dort, bei seinen Eltern. Sonntags, bei den Punktspielen des heimischen B-Klassisten DJK, steht der 18-jährige an der Seitenlinie, mit einem Fähnchen in der Hand, und versucht sich als Linienrichter.
Vor zwei Jahren wollten ihn die Bayern holen. Nach dem bayerischen A-Jugendendspiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FC Augsburg (3:6 nach Verlängerung), in dem er sich einen Bänderriss im Sprunggelenk zuzog, rief ihn Manager Uli Hoeneß an. Hermann Gerland, der damals seine neue Stelle als Jugendtrainer der Münchener antrat, hätte ihn liebend gerne mitgenommen. "Aber Bayern, das war nie ein Thema für mich", sagt Wück. "Viel zu weit weg von Gänheim, außerdem sah ich in Nürnberg die bessere Perspektive für mich." So unterzeichnete er für zwei Jahre als Vertragsamateur beim 1. FCN. Nun hat sich Christian Wück über die Bayern einen Namen gemacht.
Sein erstes Bundesliga-Tor, erzielt beim 3:1-Heimsieg über Fortuna Düsseldorf, sorgte für weit weniger Aufsehen als sein zweites. Am 27. September 1991, im Heimspiel der Nürnberger gegen den bayerischen Erzrivalen aus München, wurde Wück in der 76. Minute eingewechselt. Bei seinem ersten Ballkontakt 180 Sekunden später köpfte er zum 1:1 Endstand ein. Seitdem weiß die Fußballwelt, dass der Junge aus dem unterfränkischen Gänheim so ziemlich alles mitbringt, um eine große Karriere hinzulegen. Schnelligkeit, Durchsetzungsvermögen, Mut, Torriecher, einen guten Schuss und - den richtigen Namen.
Schön kurz, in jede Schlagzeile passend. Und es lässt sich so herrlich reimen damit. "Wück bringt Nürnberg Glück" zum Beispiel. Oder: "Christian Wück, Nürnbergs bestes Stück." Gelegenheit zum Reimen verschaffte der Senkrechtstarter den Schlagzeilen-Machern zuhauf in dieser Saison - Wück erwies sich als bester Joker der Bundesliga. Immer, wenn Club-Trainer Willi Entenmann mit dem 18 jährigen am Spielfeldrand auftauchte, begannen beim Gegner die Alarmglocken zu schrillen. Mehr als ein halbes Dutzend Mal klappte der Trick mit Wück, seine sechs ersten Saisontreffer markierte Christian als Joker.
Das schnellste Tor übrigens gelang ihm - in München. Ganze 18(!) Sekunden nach seiner Einwechslung. "Danach musste ich mir bei uns im Sportheim einiges anhören", erzählt er augenzwinkernd. In Gänheim sind sie mächtig stolz auf ihren Christian. Aber ein Tor gegen die Bayern, das muss natürlich nicht sein... Kein Zweifel, der unerschrockene Torjäger hat eine Supersaison hinter sich. "Auf ein paar Kurzeinsätze wollte ich es bringen", erzählt er, "und den Sprung unter die ersten 16 schaffen." Bescheidene Ziele, die er weit, weit übertroffen hat. Mit einer Ausnahme (vor der Partie gegen die Stuttgarter Kickers war er verletzt) zählte er in allen 38 Saisonspielen der Nürnberger zum 16er Kader.
Er bestritt mehr als 25 Punktspiele, schoss und köpfte wichtige Tore, wurde von DFB-Trainer Hannes Löhr in die "U21"-Nationalmannschaft berufen (erster Einsatz beim 1:1 gegen die CSFR in Pilsen) und schließlich unterschrieb er beim Club einen Profivertrag. Laufzeit zwei Jahre. "Das hätte ich mir so schnell nie erträumt", sagt Wück. "An diesem Erfolg hat Trainer Willi Entenmann sehr großen Anteil." Anders als sein Vorgänger Arie Haan sei der zuweilen so verbissen wirkende Schwabe "ein ganz lockerer Typ, der unheimlich viel mit mir redet. Er hilft mir unheimlich und sorgt dafür, dass ich nach Misserfolgen nicht lange grüble und nach Erfolgen nicht abhebe". Doch diese Gefahr, so Christians Mutter Elisabeth, bestehe ohnehin nicht. "Der Junge bleibt mit beiden Beinen auf der Erde. Seine Tore haben ihn überhaupt nicht verändert." Nach einer Niederlage wie der am vorletzten Spieltag gegen Karlsruhe (übrigens das erste Spiel, das der Club trotz eines Wück-Treffers verlor), die dem 1.FCN den Einzug in den finanziell so wichtigen UEFA-Pokal vermasselte, spricht sie Christian einige Stunden lang besser nicht an. Der liegt dann auf der Matratze seines Betts im elterlichen Haus in Gänheim, dreht die Stereoanlage an und hört langsame, melodische Rockballaden. Bon Jovi, Def Leppard oder Bryan Adams in voller Lautstärke - danach sieht die Welt wieder anders aus, und Christian freut sich auf einen Discoabend mit Freundin Nicole. Sie, die Eltern und die Freunde sind die drei privaten Gründe, warum sich Wück trotz der prekären Finanzlage der Nürnberger noch nie mit dem Gedanken an einen Vereinswechsel getragen hat. "Ich wäre doch blöd, wenn ich jetzt wegginge."
Eine einzige negative Erfahrung nur nimmt er aus seinem ersten Bundesliga-Jahr mit ins zweite hinüber. Ausgerechnet nach der Begegnung, in der er erstmals von Anfang an spielte, blies ihm der Wind ins Gesicht. Der Grund? Nein, hundertprozentige Torchancen hatte er nicht versiebt, im Gegenteil. Zum 2:1 Sieg der Franken über Spitzenreiter Dortmund hatte Christian Wück ein Kopfballtor beigesteuert und - eine Schwalbe. Seinen Tiefflug im Strafraum der Borussia belohnte Schiedsrichter Kaspar mit einem Strafstoß, den Zarate verwandelte. Danach das große Wehgeschrei. Und die Frage: "Raubt die "Wück-Schwalbe" den Dortmundern den Meistertitel?" Die Diskussion dauerte wochenlang, und fast hatte man das Gefühl, in jener elften Spielminute sei Einmaliges geschehen in der Geschichte der Bundesliga. Wück am Pranger der Medien, wegen einer jahrelang als Kavaliersdelikt gehandelten, ja oft sogar als "schlitzohrige Einlage" beschmunzelten Unsportlichkeit.
"Diese harten und ewigen Angriffe haben mich schon genervt", sagt er rückblickend, "und ich habe gemerkt, dass mir noch die Lobby fehlt. Einen Frank Mill zum Beispiel hätte man niemals so attackiert." Doch dies dann auch das letzte Mal, dass er über "diese Sache" ein paar Sätze verliere. "Jetzt schaue ich auf die neue Saison." Die verflixte zweite Saison holte schon so manchen Jungprofi unsanft auf den harten Erdboden zurück, dem Höhenflug folgte die Bauchlandung: "So etwas will ich vermeiden." Mit neuem Selbstvertrauen nimmt er das Rennen auf. Selbstvertrauen, das ihm früher fehlte. "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal den Sprung in die Bundesliga packen könnte", gibt er zu. Doch nun hat er gewaltig an Sicherheit gewonnen und schraubt die eigenen Ziele höher und höher. "Ich möchte mir einen Stammplatz im Club-Sturm erkämpfen", sagt er, "und natürlich weiter U21 spielen."
Vielleicht melden sich die Bayern dann ja noch ein zweites Mal...









